Erinnerungen von Hilde Schwarz (5.8.1927 - 25.6.2019)
aus Flieden-Struth
Angeregt durch die Teilnahme ihrer Tochter Dagmar
Röder-Schwarz und ihres Schwiegersohnes Dr. Friedhelm
Röder an der Gedenkveranstaltung in der Ev. Kirche
Flieden am 10.11.2013 berichtete Hilde Schwarz hinterher
erstmals über ihre Erinnerungen an den damaligen Tag
und daran anküpfend über ihre Erinnerungen an den
jüdischen Viehändler Aaron aus Flieden. Ihre Angaben
wurden nicht auf Band aufgenommen, sondern in
Anlehnung an ihre Rede teils wörtlich, teils indirekt und
dann sprachlich geglättet wiedergegeben.
Ein Jude, an den ich schöne Erinnerungen habe, war ein Viehhändler, namens Aaron. Der war schon
alt. … Er war ein gutmütiger, alter Mann mit weißem Bart. … Der Aaron pfiff manchmal vor sich
hin, war guten Muts, verbreitete keine Hektik. … Der Bart reichte von den Ohren über beide Backen
offen herunter bis zum mittleren Brustbein. Das war alles zugewachsen. Den Mund konnte man
kaum sehen. Er hat immer gute Laune gehabt. Ich frage mich heute, ob der überhaupt Angst gehabt
hat. Er hatte lebendige, listige, freundliche Augen. Er trug ein Käppi. Es war dunkel, vielleicht
schwarz oder blau. Irgendwie mochten ihn die Leute. Der war bekannt und beliebt. Er hat sehr
wenig von sich erzählt.
Er ging zu den Leuten ins Haus, die Vieh hatten.
… Der kam öfters zu uns in den Hof. Wenn er zu
uns kam, kam er nie zu uns in Haus, sondern es spielte sich alles entweder im Stall oder auf dem Hof
ab.
Er war nicht in Reichtum gebettet. Damals waren die Leute nicht in Reichtum gebettet. Wo er in
Flieden wohnte, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob er Familie hatte. Ich habe ihn nie mit einer Frau
oder mit Kindern gesehen. Er war immer alleine unterwegs.
Wenn wir mittags von der Schule in Flieden auf die Struth nach Hause liefen und schon von weitem
seinen Wagen sahen, dann durften wir uns drauf setzen und mitfahren. Manchmal hatte er Stroh
geladen. Manchmal hatte er Ferkel gekauft. Wir saßen dann weich auf dem Stroh. Die Ferkel
sprangen um uns rum. Auf dem Abschlußbalken seines Wagens saßen wir und baumelten mit den
Beinen zwischen den Sprossen. … Wenn wir oben auf der Straße liefen und wir ihn unten fahren
sahen, dann riefen wir „Der Aaron! Der Aaron!“ und rannten über die Wiese runter zu ihm, um auf
dem Wagen mitfahren zu können. Das hat auf dem Wagen gerumpelt, den die Straßen waren ja
steinig mit Schotter.
In der Unterklasse, die die Schüler bis zur 5. Klasse umfaßte, bin ich noch mit ihm gefahren. In der
Oberklasse wäre ich nicht mehr mit dem Aaron gefahren. Er fuhr ja mit einem alten Leiterwagen.
Das war ja keine Kutsche. Das war etwas für kleine Kinder, aber nicht mehr für große Kinder. Aus
diesem Alter war ich ja herausgewachsen.