Reichsprogromnacht Die Synagoge wird ein wenig gerettet
Die Synagoge wird ein wenig gerettet
Bert Wallace, ein 1939 in die USA emigrierter Jude
über die Pogromnacht in Flieden
In: Bert Wallace, Der Sturm zieht auf, Freiburg 1998
gelesen von Kathrin Manthey, Spangenberg
„Als der Gestapo-Befehl zur Zerstörung der
Synagogen den Nazibürgermeister und
–Parteivorsitzenden meines Geburtsortes
Flieden, August Heil, erreichte, rief er einige
eingeschworene örtliche Parteianhänger
zusammen; sie bewaffneten sich, um den Befehl
auszuführen, mit Äxten und ähnlichen Utensilien
und machten sich auf den Weg zur Synagoge.
Etwa zehn Jahre nach dem Krieg schilderte Frau
Ida Link, eine treue Freundin meiner Mutter,
Carol und mir – nicht ohne beträchtliches
Vergnügen ihrer- und unsererseits -, wie sie von
der kleinen Vorveranda ihres auf der anderen Straßenseite gelegenen Hauses aus zugesehen hatte,
wie die Pogromhelden wie wild versucht hatten, die schweren eichenen Eingangstüren des
Steingebäudes einzuschlagen, jedoch vergebens. Plötzlich hatte sich Bürgermeister Heil selbst ans
Werk gemacht, zu einem gewaltigen Schlag ausgeholt und seine Axt herniedergeschmettert, und
zwar genau auf seinen linken Fuß, den er in zwei Teile spaltete. Ich weiß zwar nicht, wie viele
religiöse Bewohner des Dorfes diesen Unfall als ein Zeichen des Himmels werteten, aber er rettete
die Synagoge eindeutig vor ihrer Zerstörung, und sie steht bis auf den heutigen Tag.“
Was sollte diese Nacht?
aus der Predigt zur 75jährigen Gedenkfeier der Reichsprogromnacht in Flieden
Es war keineswegs nur spontaner Volkszorn, der sich am 9. November entlud – etwa aus Rache für den
von einem Juden ermordeten deutschen Politiker in Paris. Es war ein lange geplanter Angriff auf
jüdische Menschen in Deutschland.
Es war ein Test: Wie würde die Bevölkerung
reagieren? Würde sie Widerstand leisten gegen das
unverhohlen kriminelle Vorgehen, gegen das
Aushebeln von Gesetz und Moral, gegen die
Schändung der Gotteshäuser, gegen die
Misshandlung und Inhaftierung von unschuldigen
Nachbarn in aller Öffentlichkeit?
Es war eine Einschüchterung: „...seht her, so geht
es allen, die sich uns in den Weg stellen, egal ob
Juden, Christen, Humanisten, Sozialisten. Denkt
nicht, da ist jemand, der euch hilft...“
Es war eine moralische Falle für das Volk.
Wer das Unrecht einmal akzeptiert hatte, wer
zugesehen und sich nicht gewehrt hatte, der war
hineingezogen in die Mittäterschaft, der war zum
Komplizen geworden, moralisch geschwächt.
Man begann, das Volk an das zu gewöhnen , was
bald kommen sollte: die absolute Missachtung der Rechte des einzelnen, schließlich die „Endlösung
der Judenfrage“. –
Wer würde dann noch Widerstand wagen?
Unterdrückung jüdischen Lebens in Flieden