Einweihung am 22.9.2019
Der 22. September 2019 in Flieden war wirklich ein wunderbarer Tag. Der Himmel
war blau, die Sonne hat die neuen Fenster strahlen lassen. Drei Gottes-dienste an
einem Tag und bei allen dreien war die Kirche bis auf den letzten Stehplatz belegt.
Der Festplatz war andauernd gefüllt. 35 von 36 Kuchen waren verkauft.
Mittendrin eine dreizehnköpfige Reisegruppe aus den Vereinigten Staaten um den
Künstler Barney Zeitz und die große Unterstützerin Marie Ariel, die gleich Familie
und Freunde mitgebracht hatten. Sie machten das beschauliche Flieden zum
Startpunkt ihrer Europareise und sie waren sehr beeindruckt, wie herzlich die
fremden deutschen Christen sie hier aufnahmen. Aber es war auch ein
nachdenkliches Fest. Natürlich kann man die Terrorgeschichte der ehemaligen
Synagoge auch an Festtagen nicht ausblenden.
Aus der Predigt von Bischof Dr. Hein: Die Shoa machte nirgends Halt. Mit Scham
und Trauer müssen auch wir, die wir später geboren sind, uns dem himmelschreienden Unrecht stellen, das die Generation unserer Eltern
und Großeltern verbrochen oder weithin schweigend zugelassen hat. Es gibt für uns keine
Flucht ins Vergessen. Die Shoa ist Teil unserer deutschen Geschichte. Und wer das leugnet,
hat nicht nur nichts begriffen, nein – viel schlimmer: „History forgotten is history repeated!“
– „Die Geschichte, die wir vergessen wollen, wieder-holt sich!“ Das kann und darf nicht
sein!
Israel ist nicht „enterbt“,
sondern wir sind als Juden und
Christen im Tiefsten unseres
Glaubens und unserer ganzen
Exis-tenz miteinander
verbunden: Erst wenn wir das
be-griffen haben, sprechen wir auch über das, was uns unterscheidet.
IPaulus sagt es klipp und klar: Der Vater Jesu Christi ist der eine Gott Israels! Im
Aaronitischen Segen, den die Kirchenfenster aufnehmen, spricht der eine und
selbe Gott zu uns! Hier wird die Vergangenheit nicht geleugnet. Die Narben sind
da. Aber es ist Vertrauen entstanden – über Grenzen, Gräben und große
Entfernungen hinweg. Die Evangelische Kirche in Flieden strahlt deshalb weit
über den Ort hinaus: Sie ist ein Zeichen dafür, dass nach Jahrhunderten des
Leids Versöhnung möglich ist. In den Fenstern im Altarraum endet der Segen,
der uns als Juden und Christen verbindet, in den Worten „Frieden“ und „Schalom“. Das ist unser gemeinsames Ziel. In Gottes Reich, in seinem
Schalom sind wir alle verbunden.
Raimund Henkel machte in seinem Vortrag über das jüdische Leben Fliedens am Nachmittag deutlich, welchen kulturellen Reichtum sich die
christlichen Deutschen mit ihrer Vertreibung der Juden selbst genommen haben.
Bischof Dr. Martin Hein hat in seiner letzten Predigt im Amt sehr entschiedene Worte gefunden.
Um dem Freudentag, aber auch der bedrückenden Geschichte des Hauses
gerecht zu werden, begann der Einweihungsgottesdienst mit einem Akt der Buße.
So schreibt es das Onlineportal Osthessen-News: „Dass die Bitte um Versöhnung
kein reines Lippenbekenntnis ist,
stellten sowohl Pfarrer Holger Biehn als auch Bischof Dr. Martin Hein klar. Noch
vor dem Gottesdienst wurde an der Kirchenpforte der grausamen Geschehnisse
vor nur 81 Jahren gedacht: „9. November 1938 - Schändung dieses Gotteshauses
und Demütigung der Gläubigen. Der Name Gottes wurde missbraucht. Wir
bekennen unsere Schuld und fragen uns: Herr, wie war das nur möglich - dass
Menschen, die jahrelang friedlich zusammenlebten, mit einem Mal alle
Verbindungen abbrachen, nur weil die anderen Juden waren? Wie war es möglich,
dass Menschen, die sich immer an Recht und Ordnung gehalten haben, nichts
einzuwenden hatten, als die Rechte der Juden immer mehr eingeschränkt
wurden?“ Dann begann ein würdiger, fröhlicher, festlicher Gottesdienst.
Ein anonymer Großspender schrieb am Tag danach: „Lieber Herr Pfarrer Holger
Biehn, lieber Dr. Thomas Fendert, vor 5 Jahren haben wir eine gute Entscheidung
getroffen, die Initiative „ehemalige Synagoge/Ev. Kirche Flieden e.V.“ mit einer Spende zu unter-stützen. Wir sind sehr froh darüber und ein
bisschen stolz auf unser kleines Sponsoring. Wir wollen es nicht rausschieben Ihnen zu sagen, es war heute ein hervorragender Gottesdienst,
eine fantastische Einweihungsfeier mit Gänsehautstimmung.“
Die Fenster - Entstehung