Eine Fliedener Familie wird deportiert
„Bruchlinien“-
Ein jüdisch-christliches Kunstwerk      in der Ev. Kirche / ehem. Synagoge Flieden     -
Unterdrückung jüdischen Lebens in Flieden
Im rechten Teil des Doppelhauses lag die Wohnung von Familie Goldschmidt. Auf dem Plateau der Steintreppe wurde jährlich zum Laubhüttenfest die Sukka gebaut, eine mit Ästen, Stroh oder Laub gedeckte Hütte, die an die provisorischen Behausungen der Israeliten beim Auszug aus Ägypten erinnerte.
1942 mussten die letzten Mitglieder der ehe- mals kleinen, aber lebendigen jüdischen Kultusgemeinde ihren Heimatort Flieden ver- lassen. Es war das Ehepaar Markus und Hulda Goldschmidt. Ihr Weg endete in den Gaskammern von Auschwitz. Markus Goldschmidt dachte als Deutscher und fühlte sich als Fliedener. Hier war er am 18. April 1880 geboren und hier wuchs er auf. Er besuchte die hiesige Israelitische Schule und erlernte das Schusterhandwerk. Seine Existenz gründete er
jedoch auf den Beruf seiner Vorfahren und betrieb einen Viehhandel. Am 28. Juni 1910 heiratete er Hulda Stern aus Hintersteinau. […] Die Ehe blieb kinderlos. So war der Gestellungsbefehl nach Kriegsbeginn 1914 leichter zu ertragen. Mit dem „Eisernen Kreuz“ ausgezeichnet kehrte Markus vom Felde heim. […] Das gute dörfliche Miteinander änderte sich in den Jahren nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Die meisten jüdischen Glaubensgenossen hatten bis zum Herbst 1938 Flieden verlassen. In der Pogromnacht vom 9. November drangen Teilnehmer des Verwüstungskommandos in die Wohnung der Goldschmidts ein, die der Synagoge gegenüber lag. Markus und Hulda flohen durch die Hintertür zu befreundeten Nachbarn, in deren Haus sie jene unselige Nacht verbrachten, bis der Vandalenspuk vorüber war. Nebenan wohnte ein erklärter Nazi. Einzelne Fliedener hielten trotz Verbots weiter heimlich Kontakt zum Ehepaar Goldschmidt, das inzwischen im eigenen Haus zur Miete wohnte. […] Eine 70jährige Frau erzählt, sie habe häufig Milch und Butter zu Markus gebracht und dafür gelegentlich Textilbezugsscheine erhalten. Einmal habe Markus sein bestes Kleidungsstück, einen Gehrock für hohe religiöse Feiertage vermacht mit den Worten „Ich kann ihn doch zu nichts mehr gebrauchen.“ ein andermal habe er sich beklagt: „Ich weiß gar nicht mehr, wohin ich spazieren gehen soll. Komme ich durch die Hinzergass`, so ruft mir N.N. spöttisch nach: ‚Du Geißjüd!‘ In der Alten Straße ist es der N.N., der es genauso macht!“ Was sich auf privater Ebene ereignete, setzte sich im öffentlichen Bereich fort: Bei der Ausgabe von Bezugsscheinen und Lebensmittelkarten stand Markus Goldschmidt in der Wartereihe auf dem Bürgermeisteramt. Als ihn der Gemeindebedienstete erblickte, verwies er Markus an das Ende der Anstehenden mit den Worten „Dos Jüde stellt sich emol henge dro!“ Goldschmidt kam der Aufforderung wortlos nach. Schließlich hatten alle ihre Marken erhalten, und Markus kam an die Reihe; da wurde er heimgeschickt: „Du kommst morgen noch einmal beim Nachtermin für die Säumigen und Verhinderten.“ Diese und weitere Demütigungen ertrugen Markus und Hulda bis zum Zeitpunkt der Deportation im Herbst 1942. Vom damaligen amtierenden Bürgermeister zur Abreise aufgefordert, soll er diesem die Kriegsauszeichnung vor die Füße geworfen haben mit dem Hinweis auf den „Dank des Vaterlandes“. Vom ersten Reisetermin kehrten Goldschmidts unverrichteter Dinge noch einmal nach Flieden zurück, da sie nicht auf der Transportliste gestanden hatten. Nach einigen Tagen traten sie erneut den Weg ins Ungewisse an und begaben sich zum Bahnhof. […] Raimund Henkel im Bergwinkelboten vom 11.12.1992
Eine Fliedener Familie wird deportiert
„Bruchlinien“-
Ein jüdisch-christliches Kunstwerk      in der Ev. Kirche / ehem. Synagoge Flieden     -
Unterdrückung jüdischen Lebens in Flieden
Im rechten Teil des Doppelhauses lag die Wohnung von Familie Goldschmidt. Auf dem Plateau der Steintreppe wurde jährlich zum Laubhüttenfest die Sukka gebaut, eine mit Ästen, Stroh oder Laub gedeckte Hütte, die an die provisorischen Behausungen der Israeliten beim Auszug aus Ägypten erinnerte.
jedoch auf den Beruf seiner Vorfahren und betrieb einen Viehhandel. Am 28. Juni 1910 heiratete er Hulda Stern aus Hintersteinau. […] Die Ehe blieb kinderlos. So war der Gestellungsbefehl nach Kriegsbeginn 1914 leichter zu ertragen. Mit dem „Eisernen Kreuz“ ausgezeichnet kehrte Markus vom Felde heim. […] Das gute dörfliche Miteinander änderte sich in den Jahren nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Die meisten jüdischen Glaubensgenossen hatten bis zum Herbst 1938 Flieden verlassen. In der Pogromnacht vom 9. November drangen Teilnehmer des Verwüstungskommandos in die Wohnung der Goldschmidts ein, die der Synagoge gegenüber lag. Markus und Hulda flohen durch die Hintertür zu befreundeten Nachbarn, in deren Haus sie jene unselige Nacht verbrachten, bis der Vandalenspuk vorüber war. Nebenan wohnte ein erklärter Nazi. Einzelne Fliedener hielten trotz Verbots weiter heimlich Kontakt zum Ehepaar Goldschmidt, das inzwischen im eigenen Haus zur Miete wohnte. […] Eine 70jährige Frau erzählt, sie habe häufig Milch und Butter zu Markus gebracht und dafür gelegentlich Textilbezugsscheine erhalten. Einmal habe Markus sein bestes Kleidungsstück, einen Gehrock für hohe religiöse Feiertage vermacht mit den Worten „Ich kann ihn doch zu nichts mehr gebrauchen.“ ein andermal habe er sich beklagt: „Ich weiß gar nicht mehr, wohin ich spazieren gehen soll. Komme ich durch die Hinzergass`, so ruft mir N.N. spöttisch nach: ‚Du Geißjüd!‘ In der Alten Straße ist es der N.N., der es genauso macht!“ Was sich auf privater Ebene ereignete, setzte sich im öffentlichen Bereich fort: Bei der Ausgabe von Bezugsscheinen und Lebensmittelkarten stand Markus Goldschmidt in der Wartereihe auf dem Bürgermeisteramt. Als ihn der Gemeindebedienstete erblickte, verwies er Markus an das Ende der Anstehenden mit den Worten „Dos Jüde stellt sich emol henge dro!“ Goldschmidt kam der Aufforderung wortlos nach. Schließlich hatten alle ihre Marken erhalten, und Markus kam an die Reihe; da wurde er heimgeschickt: „Du kommst morgen noch einmal beim Nachtermin für die Säumigen und Verhinderten.“ Diese und weitere Demütigungen ertrugen Markus und Hulda bis zum Zeitpunkt der Deportation im Herbst 1942. Vom damaligen amtierenden Bürgermeister zur Abreise aufgefordert, soll er diesem die Kriegsauszeichnung vor die Füße geworfen haben mit dem Hinweis auf den „Dank des Vaterlandes“. Vom ersten Reisetermin kehrten Goldschmidts unverrichteter Dinge noch einmal nach Flieden zurück, da sie nicht auf der Transportliste gestanden hatten. Nach einigen Tagen traten sie erneut den Weg ins Ungewisse an und begaben sich zum Bahnhof. […] Raimund Henkel im Bergwinkelboten vom 11.12.1992