Antisemitischer Fasching in Flieden ab 1935
Was sollte diese Nacht?
aus der Predigt zur 75jährigen Gedenkfeier der Reichsprogromnacht in Flieden
Es war keineswegs nur spontaner Volkszorn, der sich am 9. November entlud – etwa aus Rache für den
von einem Juden ermordeten deutschen Politiker in Paris. Es war ein lange geplanter Angriff auf
jüdische Menschen in Deutschland.
Es war ein Test: Wie würde die Bevölkerung
reagieren? Würde sie Widerstand leisten gegen das
unverhohlen kriminelle Vorgehen, gegen das
Aushebeln von Gesetz und Moral, gegen die
Schändung der Gotteshäuser, gegen die
Misshandlung und Inhaftierung von unschuldigen
Nachbarn in aller Öffentlichkeit?
Es war eine Einschüchterung: „...seht her, so geht
es allen, die sich uns in den Weg stellen, egal ob
Juden, Christen, Humanisten, Sozialisten. Denkt
nicht, da ist jemand, der euch hilft...“
Es war eine moralische Falle für das Volk.
Wer das Unrecht einmal akzeptiert hatte, wer
zugesehen und sich nicht gewehrt hatte, der war
hineingezogen in die Mittäterschaft, der war zum
Komplizen geworden, moralisch geschwächt.
Man begann, das Volk an das zu gewöhnen , was
bald kommen sollte: die absolute Missachtung der Rechte des einzelnen, schließlich die „Endlösung
der Judenfrage“. –
Wer würde dann noch Widerstand wagen?
Unterdrückung jüdischen Lebens in Flieden